Berufszufriedenheit und Arbeitsqualität
Warum sind Sie im Pflegeberuf? Haben Sie auch den Pflegeberuf gewählt, weil Ihnen Ihre Eltern, so wie mir, sagten: „Lerne Krankenschwester, denn Kranke gibt es immer. Da kannst Du nie arbeitslos werden!“. Vor 25
Jahren war dies wirklich noch eine Motivation den Pflegeberuf zu ergreifen. Heute gibt es keinen wirklich sicheren Job mehr. Flexibilität, Mobilität und die Multiplikation von Leistungen in einer strikt vor- gegebenen Zeit sind
gefordert. Gleichzeitig steigt aber für den Menschen der Stellenwert einer beruflichen Zufriedenheit, einer Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns und der Wunsch nach individueller Lebensqualität.
Kriterien der Berufszufriedenheit Gruppenzugehörigkeit ist eines der vier fundamentalen Bedürfnisse aller Berufs-tätigen. Für die Berufs- zufriedenheit ist es also entscheidend, dass man sich erwünscht und
willkommen fühlt, dass man irgendwo hingehört. Eine Basis unserer Identität ist die Familie, trotzdem brauchen wir auch Unterstützung durch die Arbeitsgruppe. Wir haben KollegInnen nötig, mit denen wir Ängste und Freude teilen und
wir brauchen Leute, die uns verstehen, mit denen wir Erfahrungen und Visionen gemeinsam haben. Ein weiteres Bedürfnis ist Sicherheit - ein Begriff der mehr beinhaltet als Gehalt und Firmenpension. Dazu gehört eine
gewisse Kalkulierbarkeit des Arbeitsverhältnisses, Zukunftsaussichten im Betrieb und damit seiner Anforderungen. Anerkennung ist ein weiteres Zufriedenheitskriterium. Es beihaltet ein gewisses Vertrauensverhältnis und
Wertschätzung. Sich gegenseitig zu respektieren und Leist-ungen nicht für selbstverständlich halten - weder die eigenen noch die der KollegInnen. Worte des Lobes und der Anerkennung sollten ausge- sprochen werden, wenn schwierige
Aufgaben oder Anforderungen gelöst werden konnten. Ein „Ich arbeite gerne mit dir zusammen!“ wirkt dabei oft Wunder und zwingt zum Nachdenken. Wenn es um Berufszufriedenheit geht, dann ist auch eine Unterscheidung
zwischen Spezialisierung und Stagnation wichtig. Jede und jeder Berufstätige braucht ein gewisses Maß an Abwechslung, Herausforderungen und neuen Erfahrungen um sich weiter zu entwickeln.
Zufriedenheit der Pflegepersonen Dass sich auch Pflegende bezüglich der eigenen Berufszufriedenheit Gedanken machen, zeigt sich laut einer der letzten Umfragen der deutschen vereinten Dienstleistungsgesellschaft
(ver.di). Demnach haben sich die sonst so oft im Brennpunkt des Altenpflegeberufes stehenden körperlichen Anforderungen, zu- gunsten eines unzureichenden Einkommens (84 %), einer hohen Arbeitsintensität (72%) und mangelnden
beruflichen Perspektiven (62%) auf Rang sechs der belastenden Faktoren verschoben. Demnach wird es den Pflegenden immer wichtiger ihrer Ausbildung und Kompetenz entsprechend sowie ihren Leistungen angepasst, gerecht
entlohnt zu werden. Sie merken, dass Personaleinsparungen in den Betrieben eine Steigerung des Arbeitsaufwandes und der Arbeitsintensität zur Folge haben, was wieder- um Auswirkungen auf die eigene Gesundheit und die Lebensqualität
hat. Wenn nun auch die beruflichen Perspektiven fehlen d.h. wenn gewünschte Fort- und Weiterbildungen nicht gestattet werden oder aufgrund der Personalsituation nicht möglich sind, stellt sich rasch die Frage nach der
Berufszufriedenheit und der Sinnhaftigkeit des Tuns. Anpassen, verändern oder verlassen Vielleicht haben Sie sich genau über diese Dinge auch schon Gedanken gemacht:
Vielleicht hatten Sie aber auch noch nicht die Gelegenheit oder die Zeit um darüber nachzudenken. Oder Sie zählen die Jahre bis zur Pension und hoffen, dass Sie diese auch noch gesund erleben werden. Es könnte aber
auch sein, dass Sie daran glauben, dass es auch noch was anderes geben muss und Sie nicht in einer ungeliebten Tätigkeit ausharren müssen. Sie hätten auch schon Ideen was Sie gerne machen würden, in einem neuen Bereich, mit einer
neuen Herausforderung. Wenn wir spüren, dass unser erlernter oder ausgeübter Beruf nicht der Richtige ist, können wir uns die Freiheit nehmen, unser Leben neu zu überdenken und etwas anderes zu machen - und dies
unabhängig davon, wie viel Zeit und Geld wir oder andere in unsere bisherige Ausbildung oder in unser Studium investiert haben. Wir müssen uns zwar von alten Vorstellungen - und vielleicht auch von einer gewissen Bequemlichkeit -
verabschieden, aber es wäre viel fataler sich nicht vorzunehmen die noch vor einem oder einer liegenden 10, 20 oder mehr Berufsjahre nicht nach den eigenen Bedürfnissen und Wünschen zu überdenken und zu planen.
Sicherheit, Geld und Selbstvertrauen Ich höre den Einwand: Aber da wäre ja noch die Sache mit dem Sicherheitsbedürfnis, mit dem Geld, das die anderen immer von uns wollen und mit dem fehlenden Selbstvertrauen. Stimmt: Berufliche Veränderung und Neuorientierung bedeuten enorme Eigeninit-iative, Kraft und Zeit- aufwand. Ausreden und Vorurteile sind schnell gefunden und viele leiden und jammern lieber, als wirklich etwas zu
verändern. Wenn das auch für Sie so ist, dann akzeptieren Sie Ihr Leben wie es ist, investieren Sie Ihre Energie in ein Hobby und hören Sie auf mit dem Wehklagen. Sollten Sie aber in Ihrem Beruf unzufrieden sein, so muss er nicht
zur Sackgasse werden, auch nicht, wenn Sie 40 oder älter sind. Bedenken und Erwartungen Ich weiß das deswegen so genau, weil ich in der Situation war. Ich stand vor beruflichen Anforderungen, die
ich mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren konnte oder die gegen meine Werte sprachen. Ich wollte mich weiter entwickeln, etwas bewirken und stieß dabei immer wieder auf institutionale Grenzen. Mein Sicherheitsbedürfnis und
mein Verantwortungsgefühl standen immer meiner Risikobereitschaft und dem Drang mich beruflich verändern zu wollen, gegenüber. Gleichzeitig gab es auch Vorkommnisse, die mich über Veränderungen in meinem Privatleben
nach- denken ließen. Somit begann meine Neuausrichtung mit der Be-endigung einer langjährigen Lebens- gemeinschaft und dem Umzug mit meiner damals 12 jährigen Tochter in eine Dienstwohnung. Als Team- leitung hatte ich eine
regelmäßige Arbeitszeit, die ich sehr gut mit den schulischen Erfordernissen meiner Tochter vereinbaren konnte und zusätzlich hatte ich die Zeit über meine berufliche Zukunft nachzudenken. Meine beruflichen und
privaten Entscheidungen, waren immer sehr gut überlegt und die Vor- und Nachteile genau abgewogen. Jede Herausforderung, jeder Neubeginn und jede Erfahrung machten mich stärker, gaben mir Selbstvertrauen, Mut und neue Kompetenzen.
Um Zufriedenheit im Beruf zu erreichen, braucht es aber oft nicht Veränderungen in einem so großen Aus- maß. Es gibt viele Arbeitszeitmodelle, die Zeit und Raum lassen um Neues auszuprobieren und trotzdem die
notwendige Sicherheit durch ein regel-mäßiges Einkommen geben. Sie könnten zum Beispiel die täg- liche oder die wöchent-liche Arbeitszeit verkürzen. Oder Sie denken über eine Auszeit, wie ein Sabatical, oder eine Bildungskarenz
nach. Sie könnten auf eine Teilzeitstelle reduzieren und die verbliebene Arbeits- zeit tun was Ihnen Spaß macht – im günstigsten Fall verdienen Sie damit auch noch Geld. In meinem Fall war es eine Kombination aus 20
Wochenstunden Hauskrankenpflege und einer Referent- innentätigkeit. Danach ergab sich eines nach dem anderen. Nicht einmal ein Jahr später bekamen mein Partner und ich einen Auftrag aus Deutschland Ich reduzierte die
Pflegetätigkeiten auf Urlaubsvertretungen und begann mich im Alter von 38 Jahren mit den Gedanken an eine berufliche Selbständigkeit auseinan- der zusetzen. Berufszufriedenheit und Lebensqualität
Das war vor 5 Jahren. Seit drei Jahren habe ich mein eigenes Unternehmen, unterrichte ein bis zwei Wochen im Monat in Deutschland in einem Weiterbildungs-Lehrgang zur gerontopsychiatrischen Pflege- fachkraft, mache in Wien
Hausbesuche zur Qualitätssicherung in der häuslichen Pflege auf Werkvertrags- basis, schreibe Artikel für Fachzeitschriften und initiiere und erarbeite neue Seminare. Nebenbei habe ich noch zwei Ausbildungen - zur
diplomierten Erwachsenenbildnerin und zur Coachin - ab- solviert. Ich habe in meinem ganzen Berufsleben noch nie so viel gearbeitet, aber auch noch nie so sinnvoll und mit Freude für meinen Lebensunterhalt und bewusst für
meine Lebensqualität gesorgt. Ja und falls die Aufträge oder mein selbständiges Engagement einmal nachlassen sollten: Kranke gibt es immer und alte Menschen auch! DGKS Manuela Steinmetz Dieser Artikel erschien erstmalig im September 2009 in Geronto-News , der Fachzeitschrift für Menschen in der Altenpflege |