Ich liebe meinen Beruf, aber ich hasse diesen Job Haben Sie das auch schon mal gedacht? Oder es gar gesagt - zum Mann, zur Freundin, zur Kollegin? Glauben Sie nicht, dass Sie die Einzige sind, die so denkt und schon gar nicht sollten Sie über solche Gedanken erschrecken. Gestehen Sie sich diese stattdessen ruhig zu. Gründe gibt es nämlich genug dafür. Sie arbeiten in einem Beruf, in dem Sie ständig für andere, für die alten oft körperlich
beeinträchtigten oder für die chronisch kranken Menschen da sind. In einem Beruf in dem Sie Liebe und Wertschätzung den Alten gegenüber genauso wie Ihre im Laufe der Jahre erworbenen Kompetenzen und Fähigkeiten einbringen können.
Somit erscheint Ihnen Ihre Tätigkeit auch sinnvoll und lässt Sie nach getaner Arbeit zwar erschöpft aber auch zufrieden sein. Eigentlich lieben Sie Ihren Beruf ja und würden diesen gerne so lange wie möglich ausüben. Und zwar
gesund, engagiert und wertgeschätzt. Wenn da nicht die immer öfters auftretende Konfrontation mit den sich verschlechternden Rahmen- bedingungen in Ihrem Job wäre, die es Ihnen zunehmend schwerer machen ihn noch motiviert
auszuüben. Wunsch und Wirklichkeit Immer mehr Pflegebedürftige müssen von immer weniger Pflegepersonen versorgt werden und eine Pflege, die im Minutentakt abgerechnet werden muss, widerspricht
Ihrem gesetzlichem Berufsbild genauso wie es Ihren persönlichen Vorstellungen von einer würdevollen Pflege widerspricht. Dazu kommen noch die Überstunden, der Pausenentfall, der Kommunikationsmangel im Team sowie die steigenden
Anforderungen von Vorgesetzten und Angehörigen. Vielleicht macht Ihnen aber am meisten zu schaffen, dass die direkte Zeit für die Bewohner und Bewohnerinnen immer knapper wird. Zeit um mit den Alten zu sprechen um somit ihre
Bedürfnisse, Ängste und Wünsche wahrnehmen zu können. Zeit um ihnen Hilfestellung oder Anleitung zur Selbsthilfe zu geben und ihnen nicht nur eine schnelle „Teilkörperwaschung“, die auf drei Körperteile (Gesicht, Ober- körper,
Genitalbereich) beschränkt ist, angedeihen zu lassen. Zeit um mit den im Pflegeheim lebenden Menschen Maßnahmen und Tätigkeiten zur Gestaltung eines „normalen Lebensalltages“ nach dem Normalitätsprinzip durchführen zu können. Eigentlich wollten Sie Ihren Beruf – so wie Sie ihn jetzt ausführen (müssen) – doch nie ausführen und vielleicht kommen Ihnen deswegen diese Worte: „Ich hasse meinen Job!“ auch immer öfter über die Lippen.
Pflegende Frauen können sich lange mit einer belastenden Situation arrangieren, Monate, manchmal sogar Jahre. „Bis zum nächsten Urlaub halte ich schon noch durch!“ oder „Ich erhole mich an meinem freien Tag vom Stress in
der Arbeit!“ sind oft getätigte Aussagen. Sie trösten sich mit Worten wie: „Woanders ist es auch nicht besser.“, „Ich bin froh diese Arbeit zu haben.“ Das kann lange Zeit gut gehen, wenn Sie Glück haben bis zu
Ihrer Pensionierung in 20, 10 oder fünf Jahren. Viel eher kann Ihnen aber passieren, dass Sie auf eine Person treffen, die Sie zum Nachdenken bringt oder dass Sie mit einer Situation konfrontiert werden, die ein sofortiges
Handeln von Ihnen erfordert oder dass Sie eine Erkrankung außer Gefecht setzt. „Ich habe was getan, was gegen mein Gewissen sprach.“, „Ich muß meine Arbeitssituation ändern, sonst werde ich krank.“, „Ich habe was
getan, was ich laut Gesetz gar nicht tun hätte dürfen.“, „Ich bin gereizt und werde aggressiv, wenn ich an die Arbeit denke.“, „Ich habe Angst eine Bewohnerin anzuschreien oder gar einmal grob zu werden.“ Das habe ich im Laufe
der Jahre schon von Kolleginnen gehört. Haben Sie sich das oder ähnliches auch schon gedacht? Was können Sie nun tun um es nicht so weit kommen zu lassen? Hören Sie auf Ihren Körper und
nehmen Sie die Botschaften, die er Ihnen in Form von körperlichen oder psychosomatischen Symptomen übermittelt, ernst. Es lohnt sich folgende Fragen zu stellen, wenn sich über einen längeren Zeitraum hinweg vorhandene Symptome
verstärken oder neue auftreten: Was macht mir Kopfschmerzen oder Magenschmerzen? Was will oder kann ich nicht mehr hören? Wer oder was sitzt mir im Nacken? Wer oder was lastet auf meinen Schultern oder meinem Rücken? Wer
oder was macht mir Angst? Was lässt mein Herz rasen? Wer oder was nimmt mir die Lust? Was will ich nicht mehr? Nicht immer zeigen sich Botschaften so deutlich über körperliche Reaktionen. Vielleicht spüren Sie keine
Motivation mehr in den Dienst zu gehen oder klagen über eine „allgemeine“ Unzufriedenheit mit der
beruf-
lichen Situation. Um hier eine Veränderung herbeiführen zu können, muß genau geklärt werden, worauf sich diese Unzufriedenheit bezieht. Was genau macht mich unzufrieden? Geht es um den Inhalt meiner Tätigkeit oder geht es um die
Art und Weise, wie ich arbeite oder arbeiten muß? Habe ich Ärger mit dem Vorgesetzen oder einer Kollegin? Fehlt mir etwas (z.B: Anerkennung, Sinn) oder ist mir etwas zu viel (z.B. körperliche Belastung, Zeitdruck)? Spätestens
dann, wenn sich psychosomatische Beschwerden verstärken, eine längere Krankheit wie im Pflegeberuf häufig, ein Burnout oder ein Bandscheibenvorfall auftreten, aber auch wenn sich die Familien- situation geändert hat, ist die
Zeit gekommen, dass sich betroffene Frauen mit einer unbefriedigenden oder belastenden Arbeitssituation auseinandersetzen müssen und nun erst bereit sind diese zu ändern. Gesunder Egoismus
Lassen Sie es nicht zu, dass Ihr Beruf Sie unzufrieden, krank oder gar einsam und alleinstehend macht, dafür haben Sie zu viel Energie in Ihre Ausbildung und in Ihren Weg bis hierher gesteckt. Außerdem bietet der
Pflegeberuf so viele Karrieremöglichkeiten und Tätigkeitsbereiche um auch einen zu finden, der genau zu Ihren Kompetenzen, Fähigkeiten, Wünschen und außerberuflichen Verpflichtungen passt - und das in jedem Alter.
Der beste Weg, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie zu erschaffen! (P. Drucker)
Ich weiß, es ist unangenehm, aber: Jetzt wäre Zeit sich über Ihre Zukunft Gedanken zu machen. Zur Unterstützung hier ein paar Fragen, die Sie sich dazu stellen können: Setze ich meine Energie für das ein was mir
wirklich wichtig ist? Gibt es einen Platz im Pflegeberuf für mich in dem ich mich auch mit meinen Abnützungserscheinungen an der Lendenwirbelsäule einbringen kann? Eigentlich möchte ich mich noch weiterentwickeln und weiß nur
nicht genau in welche Richtung. Spezialisierung zur Fachkraft oder zur Führungskraft? Oder wäre Pflegelehrerin etwas für mich? Oder gar eine freiberufliche Tätigkeit in der Pflege? Bin ich denn für was anderes überhaupt
geeignet? Soll ich wirklich meinen Arbeitsplatz aufgeben, den ich schon jahrelang habe ohne dass ich weiß, ob es woanders auch besser ist? Bewusste Gestaltung der Berufslaufbahn in der Pflege Als
pflegende Frau sind Sie gut beraten wenn sie frühzeitig auf eine bewusste Gestaltung Ihrer Berufs- laufbahn achten. Streben Sie ein Tätigkeitsfeld an, in dem Sie mit zunehmenden Alter weniger geeignete Tätigkeiten, wie z. B.
körperlich oder psychisch anstrengende, mit zu wenig Erholungsmöglichkeiten, mit Zeit- und Leistungsdruck oder Schicht- und Nachtarbeit reduzieren. Der Wechsel zu leitenden, koordinier- enden Funktionen oder lehrende, ausbildende,
beratende Tätigkeiten sollte langfristig geplant werden. Gleichzeitig sollten Sie in die Spezialisierung von Aufgabenbereichen, die Erfahrung, Fachwissen und soziale Fähigkeiten voraussetzen, investieren. Beginnen Sie jetzt damit!
Ach ja: Und wenn Sie sich nicht alleine mit diesen Gedanken herumquälen wollen, dann nehmen Sie Unterstützung in Anspruch z. B. von einer Coachin oder einem Coach. Wenn Ihre Waschmaschine nicht mehr rund läuft, kaufen Sie ja auch
eine neue oder lassen einen Fachmann kommen. Und hier geht es um Sie selbst, um Ihr berufliches Leben, Ihre Gesundheit und Ihre persönliche Zufriedenheit. Um bessere Arbeitsbedingungen für sich oder eine persönliche
Zufriedenheit erreichen zu können, müssen Sie nicht gleich kündigen und Ihren Arbeitsplatz wechseln. Sie haben immer mehrere Wahl- möglichkeiten – auch dort wo Sie jetzt sind. Sie müssen Sie nur sehen. Und vorhandene Ängste, wenn
Sie an eine Veränderung im Pflegeberuf denken, können bewusst gemacht und gelöst werden. Genauso, wie der vielen Frauen angeborene Zweifel an Ihren Fähigkeiten eine Veränderung herbeiführen oder ein Ziel erreichen zu können.
Haben Sie eigentlich schon mal über Ihre Ressourcen nachgedacht? Sie wissen schon, das ist das was bei der Pflegediagnosenstellung unserer BewohnerInnen berücksichtigt werden sollte. Ja und das haben Sie auch. Ihre Ressourcen, wie
Fähigkeiten und Wissen, Stärken und Kompetenzen, Erfahrungen und Einsatzbereiche, Personen und Kraftquellen. Werden Sie sich dieser bewusst und nutzen Sie diese bei der Erarbeitung Ihrer Zukunftsperspektiven. Apropos andere
Menschen: Knüpfen Sie Kontakte zu anderen KollegInnen aus der Pflege. Erweitern Sie Ihr Blickfeld, schnuppern Sie in Ihnen nicht so bekannte Bereiche der Pflege. Die eigenen Team- kolleginnen treffen Sie ohnehin ständig, da sind
keine neuen Sichtweisen zu erwarten und Burnout ist ansteckend! Besuchen Sie externe Fortbildungen (Seminare zur Psychohygiene oder um ein Fachgebiet zu vertiefen), nehmen Sie an Fachkongressen teil, nützen Sie Tage der offenen Tür
in anderen Pflege- heimen. Passen Sie auf sich auf, bleiben Sie wachsam und lernfreudig, interessieren Sie sich für neue Berufsfelder in der Pflege und entdecken Sie dabei Möglichkeiten um Ihr persönliches, gesundes und engagiertes
Älterwerden im Pflegeberuf zu gestalten und zu sichern. Denn nur Frauen, die auf sich achten, können auch für andere da sein! |